Erinnerung an Mark Lombardi
1. August 2006
Mark Lombardi war sicherlich einer der genialsten gesellschaftskritischen Künstler des vergangenen Jahrhunderts. Er wurde 1951 in Syracuse im Staat New York geboren und starb - angeblich aufgrund Selbsttötung - am 22.März 2000 in Williamsburg, Brooklyn in New York City.
Seine künstlerischen Soziogramme lassen tiefe Einblicke in die gesellschaftspolitischen Machtstrukturen unserer Zeit zu. Geographisch und wirtschaftlich liegt der Schwerpunkt seiner Arbeiten im US-amerikanischen Raum, jedoch führen viele seiner Meisterwerke auch in den Nahen und Mittleren Osten und in die Einflußspäre weltweit agierender Organisationen.
Er wird von seinen Weggefährten und Kollegen als durchweg freundlicher, lebenslustiger und inspirierender Zeitgenosse charakterisert, der selbst in Zeiten künstlerischen Erfolges nicht in Egomanie verfallen ist.
Nach seinem Studium der Kunstgeschichte und seiner Tätigkeit als Ausstellungskurator und Bibliothekar begann er unter Einwirkung der Watergate-Affäre mit der der Erstellung einer eigenen Karteikartensammlung mit Biographien und Informationen zu natürlichen Personen sowie wirtschaftlichen und politischen Organisationen. Die Anzahl dieser, mit durchwegs durch öffentlich verfügbare Informationen gespickten Karteikarten soll dabei rund 50 000 betragen haben. Um diese Unmenge an Informationen anschaulicher und zugänglicher zu machen, begann er damit, bildliche und künstlerische Darstellungen in Form einer Kombination aus Soziogrammen, Organigrammen, Histogrammen zu erstellen. Er bezeichnete seine Arbeiten selbst als “narrative structures”, erzählende Strukturen.
Er beschrieb mit seinen Werken auf diesem Weg politische Machtstrukturen, wirtschaftliche Verflechtungen, inoffizielle Zusammenarbeiten der Geheimdienste, mafiöse Organisationen, Finanzintrigen und andere öffentlich gewordene Skandale aus dem gesellschaftspolitischen Bereich.
Trotz Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Massenmedien im allgemeinen und der Kritik an der Verwendung des suggestiven Begriffs “Verschwörungstheoretiker” hier ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung vom 16. Januar 2004, 25:
“Dass der Mann kein Verschwörungstheoretiker war, sondern im Gegenteil detektivisch genau recherchierte, beweist die Wirkung seiner Bilder. Ein Journalist des Wall Street Journal, der über die Bush-bin-Laden-Connection recherchierte, soll geschlagene vierzig Minuten vor einer Grafik Lombardis verbracht haben und immer wieder »Oh, mein Gott« gemurmelt haben.”/wp-content/upl
Hier die entsprechende Grafik, leider nur in Miniatur:

Die folgende Liste zeigt inhaltsbeschreibende Titel einiger seiner Grafiken auf und wurde aus den Daten der Webseite seines Galleristen zusammengestellt und ist nicht vollständig:
- george w. bush, harken energy, and jackson stevens
- pat robertson, beurt servaas and the UPI takeover battle
- bill clinton, lippo group and china ocean shipping co. aka COSCO little rock-jakarta-hong kong
- chicago outfit and satellite regimes
- gerry bull, space research corporation and armscor of pretoria, south africa
- banca nazionale del lavoro, reagan, bush, thatcher, and the arming of iraq
- world finance corporation miami and nugan hand ltd. of sydney, australia
- frank nugan, michael hand and nugan hand ltd. of sydney, australia
- arochem, bayoil and bay industries
- astra-bmarc-unwin london “dealers in military pyrotechnics”
- lincoln verso: silverado
- james guerin, isc and ferranti intl plc “dealers in military pyrotechnics” #1
Weitere Organisationen und Personen, deren Machenschaften und Beteiligungen an zumindest zweifelhaften Geschäften von Mark Lombardi illustriert wurden sind u.a.:
BCCI, Lincoln Savings, World Finance of Miami, die Vatican Bank, Opus Dei, Silverado Savings, Whitewater, Castle Bank, Trust of the Bahamas, Lockheed, JP Morgan, Drexel Burnham, die Mafia und amerikanische Diplomaten, und nicht zu vergessen diverse Regierungen und Regierungsorganisationen.
Als natürliche Personen tauchen in seinen Diagrammen u.a. auf:
George W. Bush, Ronald Reagan, Henry Kissinger, Meyer Lansky, Saddam Hussein, Osama bin Laden, Richard Perle, Lloyd Bentsen, Lan Bentsen, Oliver North, Pat Robertson, Margaret Thatcher, der Papst
Darunter Skandale wie die geheime Verwicklung des Vatikans zur Zeit Papst Paul VI. in einen internationalen Geldwäsche-Skandal, die mehr oder weniger geheime Unterstützung der Machtergreifung Saddam Husseins und der (eigenhändigen!) Bewaffnung des Iraks mit u.a. chemischen Massenvernichtungswaffen, die Iran-Contra Affäre, sowie der “savings and loan”-Skandal.
Ein Blick in seine Büchersammlung ist bei Pierogi in Brooklyn,New York möglich, alleine die Liste kann jedoch bei eigenen Recherchen oder Nachforschungen zu den genannten Themen, Organisationen, Personen hilfreich sein.
Bei wburg.com wird von Frances Richard das oben abgebildete Soziogramm im Detail (auf english) erörtert und eignet sich für einen Einstieg in die Arbeiten Mark Lombardis und - wie man leider dazusagen muss - in die Realität unserer Gesellschaft.
Einige Zitate seiner Freunde und Kollegen:
Greg Stone, ein befreundeter Künstler zum Besuch von Lombardis Bilder im Whitney Museum in New York durch einen FBI-Agenten kurz nach den WTC-Anschlägen im September 2001: “Das war ein bahn brechender Moment, der die Kunstgeschichte verändert hat. Natürlich gab es auch früher politische Künstler. Aber ich glaube nicht, dass jemals der Geheimdienst eines Landes das Werk eines Künstlers untersuchte, um Informationen zu sammeln.”
Der FBI-Beamte wollte sich offensichtlich zu Osama Bin Laden und dessen Finanzierungsnetzwerk BCCI, dass in engem Zusammenhang mit dem Bush-Clan zu sehen ist, informieren.
Joe Amrhein, Mark Lombardis Galerist: “Wir zeigten Marks Arbeiten oft Vertretern großer Konzerne. Sie waren begeistert und hätten sie gerne gekauft. Aber dann lasen sie die Namen auf den Bildern und meinten: Naja, wissen Sie, der da ist unser Kunde, und der auch. Ich denke nicht, dass wir ein solches Bild haben sollten.”
Robert Hobbs, Kunsthistoriker und Mitautor einiger von Mark Lombardis Büchern zu den Ausstellungen: “Seine Arbeitsweise war faszinierend intensiv. Oft arbeitete er an einem Werk vier oder fünf Tage und Nächte ununterbrochen, ohne zu schlafen. Dann stellte er die Stereoanlage auf höchste Lautstärke, aber ohne Musik, nur weißes Rauschen. Um jedes Geräusch um ihn herum auszuschalten.”
Greg Stone zum Bild der Verstrickungen des Vatikan und der Mafia: “Ich fragte Mark: Was soll einen italienischen Sammler davon abhalten, das Bild zu kaufen, nur um es vor der Öffentlichkeit zu verstecken? Und er sagte nur: Ich hoffe, ich werde niemals so wichtig werden.”
Mark Lombardi selbst: “Die meisten der Leute, von denen ich meine Informationen beziehe, laufen immer noch herum. Und alle meine Quellen sind öffentlich. Aber es gab auch einige Fälle, in denen Journalisten ermordet wurden. Das ist tatsächlich passiert.”
Vor seinem angeblichen Selbstmord durch Erhängen in seinem Studio erhielt er zahlreiche Morddrohungen. Vom FBI wurde er nachweislich zumindest die drei Wochen davor regelmäßig überwacht.
Als Literatur eignen sich darüberhinaus in erster Linie die textuellen Werke Lombardis zu seinen Bildern wie z.B.
Mark Lombardi - global networks, Verlag Independent Curators Inc., ISBN 0916365670;
aber auch seine politischen und gesellschaftlichen Essays, wie z.B. “The Offshore Phenomenon: Dirty Banking in a Brave New World” veröffentlicht bei cabinetmagazine.org
sowie natürlich seine Kunstwerke selbst!
Ein Besuch einer Ausstellung mit einem Werk Lombardis ist alleine deshalb schon einen Besuch wert!
Augelistet im Folgenden einige seiner Ausstellungen:
- “Silent Partners”, 1998 bei Pierogi 2000, einer Galerie in Williamsburg
- “Vicious Circles”, 1999 Devon Golden Gallery in Chelsea
- “Global Networks”
Auf Mark Lombardis Visitenkarte stand übrigens: »Todesverachtende Akte der Kunst und der Verschwörung«
